Juniorwahl als "Beitrag zur Demokratieerziehung"

Während die knapp 4,4 Millionen hessischen Wahlberechtigten am Sonntag mitunter noch auf dem Weg zur Wahlkabine grübelten, welcher Partei sie bei der hessischen Landtagswahl ihre Stimmen geben sollten, hatten die Schüler der Dillenburger Wilhelm-von-Oranien-Schule ihre Kreuzchen schon längst gesetzt.

Und zwar bereits zu Beginn der Woche. Wie schon im Vorjahr (damals zur Bundestagswahl 2017) nahm das Dillenburger Gymnasium auch in diesem Herbst an der "Juniorwahl" teil: Wahlberechtigt waren erneut alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7-13, gewählt wurde mit echten Wahlzetteln und in provisorisch bereitgestellten Wahlkabinen, nach deren Besuch dann schließlich der obligatorische Wurf des Wahlzettels in die Wahlurne folgte. Doch damit nicht genug: Genau wie die "Großen" durften auch die Wähler von morgen in diesem Jahr ihr Votum zu den Änderungsanträgen der hessischen Verfassung abgeben. "Wir wollen, dass sich die Schüler bereits im jungen Alter mit vielfältiger politischer Meinungsbildung auseinandersetzen. Das meint eben dann nicht nur das Besprechen der Inhalte im Unterricht, bei dem der Fokus dieses Mal unter anderem auf der Bildungspolitik lag, sondern auch die Erfahrung mit dem ,Kreuzchen-Setzen‘ beim Wahlakt an sich", verdeutlicht Studienrat Stefan Riemer. Gemeinsam mit seinem Kollegen Felix Pinter war der Politik-Lehrer auch in diesem Jahr für die Organisation der Juniorwahl verantwortlich. "Felix und ich haben nur die Rahmenbedingungen geschaffen und das Drumherum organisiert. Die eigentliche Durchführung der Wahl erfolgte aber durch den Wahlausschuss, der sich komplett aus freiwilligen Schülern zusammengesetzt hat", sagt Riemer nicht ohne Stolz über das 20-köpfige Wahlgremium.

Dass das Konzept der Juniorwahl die Schüler dort abholt, wo sie stehen, zeigten die Reaktionen der Lernenden nach dem Wahlakt. Auf den Lerneffekt der Wahlsimulation angesprochen, antwortete beispielsweise Jonas Jung aus der Klasse 8A: "Ich habe viel mitgenommen und mir bereits in den PoWi-Stunden genau Gedanken darüber gemacht, welche Partei ich wählen werde. Jetzt bin ich auf die Auswertung gespannt; sowohl auf die an unserer Schule, aber auch auf die der echten Landtagswahl."

Als dann am Sonntagabend die ersten Hochrechnungen durchsickerten, zeigte sich, dass die WvO-Ergebnisse denjenigen aus den hessischen Wahllokalen ähnelten: So versammelte die CDU sowohl bei der Wahlkreis- als auch bei der Landesstimme die meisten Stimmabgaben für sich (37,8%/25,7%), Platz zwei ging in beiden Fällen an die Grünen (26,1%/25,0%). Hatte es die SPD bei der echten Landtagswahl immerhin noch auf 19,8 % der Zweitstimmen gebracht, hagelte es für die Sozialdemokraten an der WvO dagegen eine derbe Niederlage: Mit 9,4 % (Erststimme) bzw. 8,3 % (Zweitstimme) landete die SPD jeweils knapp hinter der AfD, die es, im Vergleich zur Bundestagswahlsimulation vor einem Jahr, dieses Mal sogar in den WvO-Landtag geschafft hätte (8,4% an Zweitstimmen).

Nicht zuletzt mit Blick auf dieses letztgenannte Ergebnis erklärt Riemer: "Die ein oder andere Partei meint, auf komplizierte Fragen vermeintlich einfache Antworten zu haben. Hier müssen wir als Schule eine Reaktion zeigen und auch künftig präventiv arbeiten. Meinungsvielfalt im Unterricht ist der Schlüssel, mit dem wir einen Beitrag zur Demokratieerziehung leisten wollen", so der Studienrat, der betont, wie wichtig es sei, die Lernenden an ein demokratisches Bewusstsein heranzuführen: "Denn dann ist die Juniorwahl wirklich ein überaus effektives Instrument gegen Politikverdrossenheit."

©2018 Text & Fotos: Nico Hartung, WvO

Bildergalerie
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 Der Wahlausschuss mit den betreuenden Lehrkräften Felix Pinter (l.) und Stefan Riemer (r.).
Genau wie die Erwachsenen dürfen die Schülerinnen und Schüler bei der Juniorwahl ihre Stimme abgeben. 
 Ergebnis der Volksabstimmung
Landesstimmen  
 
Wahlkreisstimmen