Wie aus Mitarbeitern Führungskräfte werden

Prof. Dr. Thomas F. Armbrüster referierte bei der Mittwochsgesellschaft

Premiere bei der Mittwochsgesellschaft des Marburger Universitätsbundes (Sektion Dillenburg-Herborn): Philologen und Pädagogen, Politologen und Juristen, Mediziner und Naturwissenschaftler referierten bereits in diesem akademischen Gesprächsforum, welches sich regelmäßig in den Räumen der Wilhelm-von-Oranien- Schule trifft. Nun war mit Professor Armbrüster erstmals ein Wirtschaftswissenschaftler zu Gast. Sein Thema "Wie aus Mitarbeitern Führungskräfte werden. Psychologische Grundlagen und unternehmerische Bedeutung" schlug auch gleich erfolgreich ein und lockte zahlreiche Zuhörer an.

Über 50 Gäste – darunter Unternehmer und Geschäftsführer, Schulleiter und Juristen, aber auch Vereinsvorstände, Studenten und Schüler – folgten dem Vortrag zu einem wirklich allgegenwärtigen Thema. Denn jeder habe damit schon einmal Erfahrungen gemacht, so Professor Armbrüster, weil Führung in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen stattfinde, nicht nur in Unternehmen, Politik oder Militär, sondern z.B. auch in der Schule.

Thomas Friedrich Armbrüster hat seit drei Jahren den Marburger Lehrstuhl für "Wissensmanagement" inne, nachdem er seine akademische Laufbahn an der TU Berlin startete und außerdem in London, Mannheim, Florenz, Stanford, Barcelona und Erfurt Station machte; darüber hinaus kann er auf eigene Leitungserfahrung in der freien Wirtschaft zurückblicken. Diese Praxis ließ er in seinen Vortrag auch immer wieder einfließen und illustrierte mit Alltagsbeispielen den wissenschaftlichen Input.

Basierend auf Klassikern der Motivations- und Entwicklungspsychologie wies Armbrüster nach, dass bereits frühe Prägungen im Kindes- und Jugendalter maßgeblich sind für die spätere Eignung, Initiative zu zeigen und (Leitungs-)Verantwortung zu übernehmen. Erstens sollten Führungspersönlichkeiten gemäß dem Risiko-Wahl-Modell von John W. Atkinson am besten durch Hoffnung auf Erfolg statt durch Furcht vor Misserfolg motiviert sein. Zweitens sei eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung wichtig, so Armbrüster, denn nur wenn jemand davon ausgehe, dass Erfolg und Misserfolg Produkt eigenen Handelns sind und nicht die Schuld anderer oder des Schicksals, werde überhaupt Initiative ergriffen, wie der Referent am Modell der Kausalattribuierung aufzeigte. Kleiner Seitenhieb dazu im schulischen Veranstaltungskontext: Sowohl übermäßiges Meckern wie auch "Helikopter"-Verhalten der Eltern unterbinden die Entwicklung dieses essentiellen Selbstwirksamkeitsgefühls bei Heranwachsenden, mahnte Armbrüster. Drittens bedürfe es – in Anlehnung an die Entwicklungspsychologie Piagets – der Fähigkeit zur begrifflichen Abstraktion: "Nur was sprachlich in Begriffen fassbar ist, kann mit Handlungsalternativen versehen werden. Wer sprachlich nicht zwischen einem direktiven, einem partizipativen oder delegativen Führungsstil unterscheiden kann, ist auch nicht in der Lage, Führung bewusst zu gestalten oder zu ändern."

Kernstück des Vortrags, welcher übrigens im Wesentlichen auf Armbrüsters neuester Publikation "Der Führungscoach" (Vahlen 2017, EUR 34,90) basierte, war das "Fünf-Stufen- Modell der natürlichen Autorität". Hier griff der Marburger Managementtrainer auf Lawrence Kohlbergs Stufentheorie der Moralentwicklung zurück. Dazu Armbrüster: "Zunehmende Übernahme von Verantwortung erfordert eine zunehmende Reflexion von formalen Regeln, und darüber hinaus müssen Normen jenseits starrer Formen entwickelt und reflektiert werden." Kurz gesagt, wer nur aus Furcht vor Strafe, aus Eigennutz oder Konformität handelt, kann niemals eine überzeugende Führungspersönlichkeit werden!

"Schlimmstenfalls", konstatierte der Referent, "folgen Mitarbeiter einer Führungskraft nur, weil sie müssen oder weil sich das für sie auszahlt. Am meisten bewirken Chefs aber dann, wenn sie sich selbst vorbildlich verhalten und ihre Mitarbeiter geistig zu neuen Lösungen inspirieren."

Der Applaus des Auditoriums bewies die Überzeugungskraft der Thesen Armbrüsters, in der Plenumsdiskussion zeigte sich dann aber auch, wie schwierig der einleuchtende Anspruch in der Praxis dann manchmal umzusetzen ist. Wie zum Beispiel als Unternehmer umgehen mit dem Fach- bzw. Führungskräftemangel? Wie reagiert man als "inspirierender Chef" auf eine "freizeitorientierte Schonhaltung" eines Mitarbeiters? Diese und andere Fragen stellten sich in der anschließenden fruchtbaren Diskussion, zu welchen Professor Armbrüster aber jeweils hilfreiche Impulse geben konnte. Zum Dank überreichte als Vorsitzender der hiesigen Sektion des Marburger Universitätsbundes Dr. Bernd Peter dem Gastdozenten ein Buch- und Weinpräsent.

Die nächste Mittwochsgesellschaft findet im selben Raum statt am 21. November um 19:00 Uhr: Prof. Dr. Hubert Zimmermann referiert zum Thema "Zwischen Zerfall und Weltmachstatus – Zur Zukunft der Europäischen Union".

©2018 Text & Fotos: Markus Hoffmann, WvO

Bildergalerie
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Prof. Dr. Thomas Armbrüster referierte über Führungskräfteentwicklung.  
 Der Organisator des Vortragsforums, Dr. Bernd Peter (l.), dankte dem Referenten mit einer Biografie Wilhelms von Oranien als "historischer Dillenburger Führungspersönlichkeit" und einem guten Tropfen Wein.
 
Gut 50 Zuhörer hatten sich im Seminarraum der Mittwochsgesellschaft versammelt.